Musik in Geschichte und Gegenwart (MGG)

 

  

       Laub, Thomas Linnemann

       * 5. Dez. 1852 in Langaa bei Nyborg, + 4. Febr. 1927 in Kopenhagen, Organist und Kirchenkomponist. Laub entstammte einer Pastorenfamilie und studierte anfänglich Theologie. Sein Interesse für Musik wurde durch den Umgang mit dem späteren Komponisten Frederik Rung genährt, durch den er Musik des 16. bis 18. Jh. kennenlernte. 1873 gab er das theologische Studium auf und studierte 1873 bis 1876 am Kons. in Kopenhagen Klavier, Orgel und Musiktheorie. Von 1877 bis 1881 war Laub an der Trinitatis Kirche in Kopenhagen Stellvertreter des Organisten A. P. Berggreen, zu dessen Ansichten zur Kirchenmusik Laub später eine entgegengesetzte Stellung einnahm. 1882 bis 1883 studierte er in Italien die klassische Vokalpolyphonie, 1886 in Deutschland die kirchenmusikalischen Reformbestrebungen, die er dort in evangelischen Kirchengemeinden in Praxis erlebte. 1884 wurde Laub Org. an der Helligaandskirke in Kopenhagen, 1891 (obwohl seine Opposition zu der herrschenden kirchenmusikalischen Praxis bereits bekannt war) unter Protest zum Nachfolger N. W. Gades als Org. an der Holmens Kirche in Kopenhagen ernannt. Dort wirkte er bis 1925 als die in seiner Zeit bedeutendste, aber nach wie vor umstrittene Persönlichkeit auf dem Gebiet des dänischen Kirchengesangs und kirchenmusikalischer Praxis. Seine Bestrebungen wurden u.a. durch die speziell für diesen Zweck 1922 gegründete Vereinigung Dansk Kirkesang bis in die Gegenwart weitergetragen.

 

        Werke (Verlagsort ist Kopenhagen, falls nichts anderes angegeben)

        A. Kompositionen

        I. Geistliche Werke  (48) Kirkemelodier, 4st. udsatte til Brug ved Gudstjenesten, 3 Bde., 1888-1890 <> 80 rytmiske Koraler uden Harmonisering, 1888 <> Udvalg af Salmemelodier i Kirkestil, 2 Bde., 1896-1902 <> Forspil og Melodier. Forsøg i Kirkestil, 1909 <> Dansk Kirkesang. Gamle og nye Melodier, 1918, einst. Ausgabe 1918 <> Tillæg til Dansk Kirkesang, 1930 <> Aandelige Sange, 1925 <> 24 Salmer og 12 Folkeviser udsatte for 2 og 3 lige Stemmer (zus. mit Mogens Wöldike), 1928

        II. Weltliche Werke  Sangmusik fra det 17. og 18. Aarhundrede (zus. mit Frederik Rung), 1884 <> 10 Gamle danske Folkeviser udsatte for blandet Kor, 1890 <> Danske Folkeviser med gamle Melodier, 2 Bde., 1899 und 1904 <> En Snes danske Viser, 2 Bde. (zus. mit Carl Nielsen), 1915-1917 <> Tolv Viser og Sange af danske Digtere, Kolding 1920 <> Ti Aarestrupske Ritorneller, 1920 <> Folkehøjskolens Melodibog (zus. mit C. Nielsen, Thorvald Aagaard, Oluf Ring), 1922

 

        B. Schriften

        Vor Musikundervisning og den musikalske Dannelse, 1884 <> Om Kirkesangen, 1887 <> Luthersk Kirkesang, 1891 <> Studier over vore Folkemelodiers Oprindelse og musikalske Bygning, in: Dania 2, 1892/93, 149-179 <> Vore Folkevisemelodier og deres Fornyelse, in: Danske Studier 1904, 177-209 <> Musik og Kirke, 1920, 21937, 31978, 41997

 

        In den Schriften Om Kirkesangen (Über den Kirchengesang) 1887 und Musik og Kirke (Musik und Kirche) 1920 stellte Laub seine Gedanken zu einer durchgreifenden Erneuerung des dänischen Kirchengesangs vor. Unter Einfluß der kirchenmusikalischen Reformbestrebungen des 19. Jh. (bes. C. von Winterfeld, Der ev. Kirchengesang und sein Verhältnis zur Kunst des Tonsatzes, 1843-1847) wollte Laub die Kirchenmelodien auf die rhythmischen, melodischen und harmonischen Formen der Reformationszeit zurückführen. In einer Reihe ein- und vierstimmiger Ausgaben legte er in praktischen Beispielen seine Absichten dar (gesammelt in seinem kirchenmusikalischen Hauptwerk, Dansk Kirkesang, 1918). Zugleich wandte er sich gegen den romantischen Kirchengesang, der in Dänemark durch die Lieder des Dichters N. F. S. Grundtvig (1783-1872) eine große Ausbreitung gefunden hatte. Hauptsächlich zu den Kirchenliedern Grundtvigs komponierte Laub 1885 bis 1927 insgesamt 100 neue Melodien im ‚alten Stil’ der Reformationszeit, aber doch unverkennbar von dem Ton des späten 19. Jh. geprägt. Trotz starken Widerstands sowohl von Vertretern der romantischen Kirchenmusik als auch später von Fürsprechern von jazz- und rockinspirierter Kirchenmusik haben Laubs Kirchenlieder eine bedeutsame Verbreitung innerhalb der dänischen Volkskirche gefunden (das dänische Choralbuch zählt etwa 60 Originalmelodien von Laub).

        Neben seiner Arbeit zu den altprotestantischen Kirchenliedern betrieb Laub auch ein intensives Studium der Volksmelodien des nordischen Mittelalters, in denen er in vielen Fällen kirchentonales Material zu finden meinte. Seine Beschäftigung mit alten Volksliedern und den Liedern im Volkston von J. A. P. Schulz regte ihn zur Komposition neuer dänischen Volksweisen an, zum Teil in enger Zusammenarbeit mit Carl Nielsen.

 

           Ausgaben  Liturgisk Musik (4-st. blandet Kor), in: Folke- og Skolemusik III,3, Kphn. 1937 <> Thomas Laubs Sange for Mandskor, in: K. Clausen, Færøske og danske Folkevisemelodier udsatte for Mandskor af Henrik Rung og Th. Laub, ebd. 1942 <> Danske Folkeviser udsatte for blandet Kor, hrsg. von M. Wöldike/A. Arnholtz, ebd. 1948 <> Sange med Klaver, hrsg. von H. Glahn/M. Wöldike, ebd. 1958 <> Salmeforspil og orgelkoraler, ebd. 1982

 

        Literatur  P. Hamburger, Bibliografisk Fortegnelse over Thomas Laubs litterære og musikalske Arbejder, Kphn. 1932 <> Ders., Thomas Laub, hans Liv og Gerning, ebd. 1942 <> A. H. Hauge, Thomas Linneman Laub (1852–1927) and His Influence on the Revitalization of Danish Music, Diss. Univ. Boston 1969 <> E. Ransby, Tilblivelsen af Thomas Laubs Kirkesangsreform (Entstehung von T. Laubs Kirchengesangsrefom), in: Dansk Kirkesangs Årsskrift 1982, 101–112 <> P. Thyssen, Carl von Winterfeld – et forbillede for Thomas Laub (Carl von Winterfeld – ein Vorbild für Thomas Laub), in: dass. 1997, 65–90 <> H. Glahn, Salmemelodien i dansk tradition 1569-1973, Kphn. 2000

 

           Peter Thyssen [2003]